Noten

Die „Johannes-Passion“ von Heinrich Schütz (SWV 481): Ein Meisterwerk der Barockmusik

Johannes Passion SWV 481 Heinrich Schütz

Die „Johannes-Passion“ (SWV 481) von Heinrich Schütz, komponiert um 1666, ist ein beeindruckendes Beispiel für die tiefe Spiritualität und musikalische Innovation der Barockzeit. Als eines der letzten Werke des Komponisten verdeutlicht sie seine Reife und sein unvergleichliches Gespür für die Verbindung von Musik und Text.

Musikalische Details

  • Einzigartiger Stil: Die Passion ist rein vokal und verzichtet vollständig auf instrumentale Begleitung. Diese puristische Herangehensweise verleiht dem Werk eine zeitlose Kraft und hebt die Bedeutung des gesungenen Wortes noch mehr hervor.
  • Rollenverteilung: Der Evangelist, der die Erzählung vorträgt, wird von einem Tenor gesungen, während die Worte Jesu – wie meist – von einem Bass dargestellt werden. Der Chor übernimmt die dramatischen Parts der Menge, was den liturgischen Charakter betont.
  • Modale Komposition: Schütz verwendet den phrygischen Modus, der dem Werk einen dunklen, mystischen Charakter verleiht. Diese Tonsprache unterstreicht die Ernsthaftigkeit der Passionserzählung.
  • Emotionale Intensität: Trotz der Schlichtheit gelingt es Schütz, eine außergewöhnliche emotionale Tiefe zu erzeugen. Dies zeigt sich vor allem in den dramatischen Dialogen und den spannungsgeladenen Choreinwürfen.

Historische und kulturelle Bedeutung

Heinrich Schütz war einer der ersten deutschen Komponisten, der den italienischen Stil – insbesondere die Kunst des „stile antico“ und des „stile moderno“ – nach Deutschland brachte. Die „Johannes-Passion“ reflektiert Schütz’ tiefes Verständnis für die liturgischen Traditionen seiner Zeit, indem sie den Text des Johannesevangeliums in den Mittelpunkt stellt.

Dieses Werk war vor allem für den Gebrauch in der Karfreitagsliturgie gedacht, ein Tag von großer Bedeutung im christlichen Kalender. Es repräsentiert die Andacht und Besinnlichkeit, die das Barockzeitalter prägten, und lädt Hörer dazu ein, sich auf das Wesentliche zu besinnen – den Text und die Botschaft.

Heinrich Schütz: Leben und Vermächtnis

  • Kindheit und Jugend: Heinrich Schütz wurde 1585 in Bad Köstritz geboren und wuchs in einem musikalischen Umfeld auf. Seine außergewöhnliche Begabung wurde früh erkannt, und er erhielt eine fundierte musikalische Ausbildung.
  • Studium in Venedig: Schütz studierte unter Giovanni Gabrieli, einem der führenden Komponisten der venezianischen Mehrchörigkeit. Diese Zeit prägte seinen Stil nachhaltig.
  • Karriere in Deutschland: Nach seiner Rückkehr wirkte Schütz als Hofkapellmeister in Dresden, wo er eine Vielzahl an liturgischen und weltlichen Werken schuf.
  • Werke und Innovationen: Neben seinen drei Passionen, darunter die „Johannes-Passion“, komponierte Schütz zahlreiche Motetten, Madrigale und Psalmenvertonungen. Er gilt als einer der Wegbereiter der deutschen Barockmusik und als Vorbild für spätere Komponisten wie Johann Sebastian Bach.

Warum ist die „Johannes-Passion“ so besonders?

Das Werk zeigt Schütz’ Fähigkeit, mit minimalistischen Mitteln maximale Wirkung zu erzielen. Es spricht nicht nur Musikliebhaber, sondern auch spirituell Suchende an, die in der Musik Trost und Inspiration finden. Die „Johannes-Passion“ ist ein Zeugnis seines Glaubens und seiner Kunstfertigkeit, und sie bleibt bis heute ein Meisterwerk, das Generationen überdauert.

Johannes Passion von Heinrich Schütz SWV 481 auf YouTube Auf Youtube gibt es ein Video der gesamten Passion mit Noten zum Mitlesen: Johannes Passion von Heinrich Schütz

Die Noten gibt es hier als PDF zum Herunterladen: PDF Noten der Johannes Passion von Heinrich Schütz
(dies ist eine eingescannte Version einer alten Breitkopf & Härtel Ausgabe von 1885)

Neuere Ausgaben gibt es im gut sortierten Musikfachhandel zu kaufen.

„The Crucifixion“ von Sir John Stainer

The Crucifixion - John Stainer

Sir John Stainer (1840–1901) war ein bedeutender britischer Komponist, Organist und Musikpädagoge der viktorianischen Zeit. Bereits als Kind zeigte er außergewöhnliches musikalisches Talent und wurde im Alter von nur zehn Jahren Chorknabe an der St Paul’s Cathedral in London. Später studierte er an der University of Oxford und wurde dort Professor für Musik.

Stainer war ein führender Vertreter der anglikanischen Kirchenmusik im 19. Jahrhundert. Als Organist wirkte er unter anderem an der Magdalen College Chapel in Oxford und ab 1872 an der St Paul’s Cathedral in London, wo er die Kirchenmusik reformierte und auf ein neues Niveau hob. 1888 wurde er für seine Verdienste um die britische Musik zum Ritter geschlagen.

Sein kompositorisches Schaffen umfasst zahlreiche kirchenmusikalische Werke, darunter Hymnen, Motetten, Anthems und Oratorien. Viele seiner Werke sind heute eher historisch interessant, doch „The Crucifixion“ (Die Kreuzigung) aus dem Jahr 1887 ist bis heute sein bekanntestes und am häufigsten aufgeführtes Werk.

Stainer zog sich 1888 aus gesundheitlichen Gründen vom aktiven Dienst zurück, blieb jedoch einflussreich als Gutachter, Herausgeber alter Musik und Autor musikwissenschaftlicher Schriften. Er starb 1901 während einer Reise nach Italien.

The Crucifixion

„The Crucifixion“ ist ein Passions-Oratorium für Tenor- und Bass-Solisten, gemischten Chor und Orgel. Es wurde für den liturgischen Gebrauch in Kirchen konzipiert und steht in der Tradition der anglikanischen Passionen. Das Werk enthält neben Chorsätzen auch Gemeindelieder (Hymns), die zum Mitsingen gedacht sind. Der Text stammt von dem anglikanischen Geistlichen Rev. W. J. Sparrow-Simpson.

Musikalisch ist „The Crucifixion“  melodisch und zugänglich, mit einem starken emotionalen Ausdruck und klarer Struktur. Besonders bekannt sind die Chorstücke „God so loved the world“ und „All for Jesus“ („For the Love of Jesus“) die sehr oft auch außerhalb des Oratoriums aufgeführt werden. Obwohl das Werk unter Musikwissenschaftlern teils als sentimental oder stilistisch konservativ betrachtet wird, erfreut es sich in England großer Beliebtheit, besonders in der Karwoche.

Das Werk, auch als Passionskantate bezeichnet, besteht folgenden Teilen:

  1.  And they came to a place named Gethsemane (Tenor Solo)
  2.  The Agony (Bass Solo & Chorus)
  3.  And they laid their hands on him (Tenor & Bass Solo)
  4.  Procession to Cavalry (Organ Introduction)
  5.  Procession to Calvary (Fling wide the Gates) (Chorus & Tenor Solo)
  6.  Mystery of the Divine Humiliation (Cross of Jesus-Hymn)
  7.  He made himself of no reputation
  8.  The Majesty of the Divine Humiliation
  9.  And as Moses lifted up the serpent
  10.  God so loved the World
  11.  The Litany of the Passion
  12.  Father, forgive them
  13.  So thou liftest up thy divine petition
  14.  The Mystery of the Intercession
  15.  And one of the malefactors
  16.  The Adoration of the Crucified
  17.  When Jesus therefore saw his mother
  18.  Is it nothing to you
  19.  The Appeal of the Crucified
  20.  After this, Jesus knowing that all things were now accomplished
  21.  All for Jesus („For The Love Of Jesus„, Hymn)

Das gesamte Werk gibt es auf Youtube mit den Noten zum Mitlesen:

Youtube The Crucifixion - John Stainer The Crucifixion – John Stainer

Die Noten in digitaler Form und auch den gesamten Text gibt es zum kostenlosen Herunterladen auf der Webseite cantatedomino.org

 https://www.cantatedomino.org/../The-Crucifixion-Stainer.pdf

Auch dürfen die Noten frei verwendet werden, auf den Noten befindet sich der Hinweis:

Music is in the Public Domain
This digital engraving copyright © Cantate Domino
The Edition may be freely copied and used

Auch wenn Sie nicht an den Noten dieser Passionskantate interessiert sind, lohnt sich der Besuch der Webseite CantateDomino.org – es gibt vieles zu entdecken.

 

Carl Loewe: Kleine Passionsmusik

Jesus am Kreuz

Titel: Die Kleine Passionsmusik
Komponist: Carl Loewe
Entstehung: Um 1847
Besetzung: Singstimmen (Soli, Chor), Orgel oder Klavier
Dauer: Ca. 12 -15 Minuten
Gattung: Geistliche Musik – eine Art Mini-Oratorium oder Passionskantate

Inhalt und Stil

Die Kleine Passionsmusik ist ein geistliches Werk, das sich mit der Passion Christi beschäftigt, also den Ereignissen rund um das Leiden und Sterben Jesu. Im Gegensatz zu den großen Passionen etwa von Bach ist Loewes Werk kürzer und kompakter, was es besonders für den Einsatz in kleineren Kirchen oder im Gottesdienst geeignet macht.

  • Form: Das Werk ist in mehrere Abschnitte unterteilt, darunter Choräle, Erzählungen (Rezitative), Arien und Chorstücke.
  • Textgrundlage: Die Texte stammen aus der Bibel (Evangelien), ergänzt durch freie Dichtungen in der Tradition protestantischer Kirchenmusik.
  • Stilistisch: Das Werk bewegt sich im romantischen Stil, wirkt aber oft schlicht und volksnah – ideal für kleinere kirchliche Ensembles.

Bedeutung

Die Kleine Passionsmusik ist ein schönes Beispiel für Loewes Fähigkeit, religiöse Themen eindrucksvoll, aber auch zugänglich zu vertonen. Sie ist weniger dramatisch als Bachs Passionen, dafür aber in sich geschlossen, meditativ und emotional eindringlich.

Typischer Einsatz

Das Werk eignet sich für:

  • Passionsandachten in der Karwoche oder an Karfreitag
  • Kirchenkonzerte in kleineren Besetzungen
  • Laienchöre oder Gemeindeaufführungen, da es technisch nicht zu anspruchsvoll ist

Johann Carl Gottfried LoeweCarl Loewe (vollständiger Name: Johann Carl Gottfried Loewe) war ein deutscher Komponist, Sänger und Dirigent, geboren am 30. November 1796 in Löbejün und gestorben am 20. April 1869 in Kiel. Er ist vor allem bekannt für seine Balladen und Lieder – oft wird er auch als der „Schubert des Nordens“ bezeichnet. Neben Liedern komponierte er auch Oratorien, Kantaten, Opern und Kirchenmusik.


Video zum Mitlesen der Noten (Partitur)

Die Kleine Passionsmusik auf Youtube anschauen…

Text (Lyrics)  von Carl Loewes Kleiner Passionsmusik

𝄞 Einleitung (Andante sostenuto, instrumental)

1. Choral

Christus, der uns selig macht,
Unrecht nie begangen,
der ward für uns in der Nacht
als ein Dieb gefangen.
Und geführt vor böse Leut’,
fälschlich angeklaget,
ward verhöhnet und verspeit,
wie die Schrift uns saget.

2. Andante (Rezitativ & Chor)

In den ersten Tagesstunden
ward er dem Pilatus vorgestellt,
der ihn unschuldig befand.
Sein Reich war nicht von dieser Welt,
sein  Ruhm  nicht Menschenehre!

3. Andante (Arie, Chor)

Um drei ward der Gottessohn gegeißelt,
sein teures Haupt mit einer Dornenkron’ gerissen,
gekleidet zu Hohn und Spott,
und sein Kreuz mußte er selber tragen.

Seht, welch ein Mensch!
Seht, welch ein Mensch!
Seht, welch ein Mensch!

4. Andante (Rezitativ)

Um sechs ward er am Kreuz erhöht,
die Sonne verlor ihren Schein.

„Vater, vergib es ihnen,
sie wissen nicht, sie wissen nicht,
was sie tun!“

5. Andante

Um die neunte Stunde rief Jesus laut:
„Mich dürstet.“ Man reichte ihm Essig und Galle.
„Mein Gott, mein Gott, wie hast du mich verlassen?“
Und neigte sein Haupt: „Es ist vollbracht!“

6. Chor – Allegro (Turba)

Die Erde bebet, des Tempels Vorhang zerreißt,
die Gräber tun sich auf,
und viele Leiber der Heil’gen stehen auf,
die Felsen sprengen
und Finsternis, und Finsternis
bedecket das ganze Land.

7. Tempo primo d’Andante (Chor)

Als der Tag sein Ende nahm
und der Abend kommen,
ward Jesus vom Kreuzesstamm
durch Joseph genommen,

herrlich nach jüdischer Art
in ein Grab gelegt
und mit Hütern wohl verwahrt,
wie Matthäus zeuget.

8. Choral a Tempo (Chor)

O Lamm Gottes unschuldig,
am Stamm des Kreuzes geschlachtet!
Allzeit erfund’n geduldig
wie wohl du warest verachtet.

All Sünd’ hast du getragen,
sonst müssten wir verzagen.
erbarm dich unser, o Jesu, o Jesu!


Die Noten (komplette Partitur) können Sie hier herunterladen:
PDF Kleine Passionsmusik von Carl Loewe


Was ist Passionsmusik?

Passionsoratorium vs. Evangelien-Passion

Komponisten von Passionsmusik

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