Passionen

Die Geheimnisse der Markus-Passion: Peranda’s bedeutendstes Sakralwerk enthüllt

Markus-Passion - Marco Gioseppe Peranda

Die Markus-Passion, lange Zeit Heinrich Schütz zugeschrieben, birgt eine faszinierende Geschichte der Verwechslung. Tatsächlich stammt dieses bedeutende Werk aus dem Jahr 1668 von Marco Giuseppe Peranda, einem der wichtigsten italienischen Meister im Deutschland der Barockzeit.

Als Kapellmeister am sächsischen Hof schuf Peranda diese außergewöhnliche Passionsmusik, die sich neben den Werken von Johann Sebastian Bach und Georg Philipp Telemann zu einem wichtigen Bestandteil des klassischen Kanons entwickelte. Jedoch ist es besonders bemerkenswert, dass weniger als ein Drittel von Perandas Kompositionen die Zeit überdauert haben. In diesem Artikel werden wir die musikalische Bedeutung und den historischen Kontext dieses sakralen Meisterwerks etwas näher beleuchten.

Die musikalische Struktur der Markus-Passion von Peranda

Als musikalisches Kleinod des Frühbarocks präsentiert sich die 1668 entstandene Markus-Passion von Marco Giuseppe Peranda in einer bemerkenswert klaren musikalischen Struktur. Dieses bedeutende Sakralwerk folgt der Tradition der Rezitativ-Passion, jener Form, die sich nach Heinrich Schütz von den strengen Zwängen der gregorianischen Passionstone befreit hatte.

Die Besetzung der Peranda-Passion ist bewusst schlicht gehalten. Sie ist für gemischten Chor (SATB – Sopran, Alt, Tenor, Bass) konzipiert und wird durch verschiedene Solostimmen bereichert, genauer gesagt für die Stimmlagen STT(Bar)BB. Besonders bemerkenswert ist, dass das Werk durchgehend a cappella komponiert wurde – also ohne instrumentale Begleitung. Diese Reinheit des vokalen Ausdrucks verleiht dem Werk eine besondere Intensität und unterstreicht den kontemplativen Charakter der Passionsgeschichte.

Anders als spätere Passionswerke, etwa die bekannten Bach-Passionen, konzentriert sich Perandas Komposition auf die reine Textdeklamation des Evangeliums. Während Bachs Werke den Bibeltext mit betrachtenden Arien und Chorälen anreichern, bleibt Peranda der schlichten Erzählform treu. Dennoch lässt sich seine Markus-Passion durchaus mit anderen Werken kombinieren, wie moderne Aufführungspraxis zeigt. So wurde sie beispielsweise 1996 von Jos van Veldhoven mit Fragmenten der Bach’schen Markus-Passion verbunden.

In neueren Aufnahmen wird Perandas Passion zudem oft mit betrachtender Figuralmusik anderer Komponisten wie Christoph Bernhard, Anton Colander, Johann Hermann Schein, Heinrich Schütz und Samuel Seidel ergänzt. Dadurch erhält das Werk eine Dramaturgie des Erzählten und Erlebten – praktisch ein Vorgriff auf die später übliche Ergänzung des Passionsberichts durch Arien und Choräle.

Die stilistische Verankerung im 17. Jahrhundert macht Perandas Musik zu einem interessanten Kontrastpunkt zu späteren Passionsvertonungen. In gemischten Aufführungen wird dadurch hörbar, wie sich der musikalische Stil über die Epochen entwickelte – Perandas Musik verkörpert dabei die „ältere“ Klangsprache.

Der Thomanerchor Leipzig unter Ernst Friedrich Eduard Richter (1808-1879) gehörte zu den frühen Interpreten dieses Werkes, was seine Bedeutung für die lutherische Musiktradition unterstreicht und eine direkte Verbindungslinie zu späteren Passionsvertonungen zieht.

Peranda’s italienischer Einfluss auf die deutsche Passionsmusik

Im musikhistorischen Kontext des 17. Jahrhunderts verkörpert Marco Giuseppe Peranda den bedeutsamen kulturellen Brückenschlag zwischen italienischer und deutscher Sakralmusik. Obwohl aus Macerata stammend, verrät sein musikalischer Stil eine Ausbildung in Rom. Diese römische Prägung brachte er zwischen 1651 und 1656 nach Dresden, als ihn der Vizekapellmeister Christoph Bernhard aus Italien an den sächsischen Hof holte.

Tatsächlich gilt Peranda neben Vincenzo Albrici als einer der maßgeblichen italienischen Meister in Deutschland während der Barockzeit. Seine Markus-Passion spiegelt jenen einzigartigen Fusionsstil wider, der die deutsche Passionsmusik nachhaltig beeinflussen sollte. Die delikat-expressiven Melodieführungen, die überwiegend hellen und transparent klingenden Texturen sowie die gemäßigten, sehnsuchtsvollen Harmonien erinnern deutlich an die Vorbilder der Dresdner Kapellmeister – insbesondere an Peranda selbst.

Beide Meister der römischen Schule, die sich um Giacomo Carissimi entwickelt hatte, prägten den Ton an den Höfen Mittel- und Norddeutschlands in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Diese italienischen Einflüsse wurden von deutschen Komponisten wie Buxtehude aufgegriffen und in deren eigenen Passionszyklen individuell weiterentwickelt – nicht zuletzt mit Blick auf ein höfisches Publikum, das solche Experimente besser zu schätzen wusste als das Bürgertum.

Darüber hinaus förderte die Erfindung des Notendrucks mit beweglichen Lettern durch Ottaviano Petrucci in Venedig im Jahr 1501 die Verbreitung italienischer Musik in ganz Europa. Allerdings blieb der teure Druck bis etwa 1650 hauptsächlich Prunk- und Widmungsausgaben vorbehalten.

Die lange vernachlässigte deutsche Vokalmusik zwischen Schütz und Bach erweist sich hierbei als nahezu unerschöpfliche Fundgrube kunstvoll gearbeiteter, ausdrucksstarker Kompositionen, die bis heute nichts von ihrer ursprünglichen Faszination verloren haben. Durch die einzigartige Verschmelzung von alten und neuen Elementen entwickelte sich eine eigentümliche, streng schöne musikalische Ausdrucksweise, die uns noch immer zu berühren vermag.

Die historische Bedeutung der Markus-Passion im 17. Jahrhundert

Die liturgische Tradition der Passionsaufführungen erlebte im 17. Jahrhundert eine bedeutsame Wandlung. Während Passionen ursprünglich im 5. Jahrhundert als einfache liturgische Rezitationen begannen, entwickelten sie sich bis zum 13. Jahrhundert zu Aufführungen, bei denen drei Geistliche den Vortrag teilten: eine tiefe Stimme für Christus, eine mittlere für den Evangelisten und eine hohe für die übrigen Personen.

Marco Giuseppe Perandas Markus-Passion von 1668 markiert einen wichtigen Meilenstein in dieser Evolution. Sie wurde am 30. März 1668 in der Dresdner Schloßkirche uraufgeführt und basiert auf dem Libretto von Martin Luther. In der Besetzung zeigt sich ihre Bedeutung: Sie ist für sechs Solostimmen (SATTTBB) sowie gemischten Chor (SATB) komponiert, was die damalige Praxis der musikalischen Umsetzung biblischer Texte widerspiegelt. Bemerkenswert ist, wie die Markus-Passion zwischen verschiedenen Traditionen steht. Einerseits folgt sie noch der älteren responsorialen Form, die ausschließlich den Bibeltext vertont. Andererseits nimmt sie bereits Elemente vorweg, die später in den „konzertanten“ Passionen weiterentwickelt wurden.

Kulturhistorisch betrachtet fällt die Entstehung des Werkes in eine Zeit, in der die Dresdner Hofkapelle durch Heinrich Schütz internationale Geltung erlangt hatte und die schweren Zeiten des Dreißigjährigen Kriegs überstanden waren. Dennoch nahm die durchkomponierte Passion in der Gegenreformation nur eine kurze Blütezeit ein.

Im Kontext der Passionsgeschichte bildet Perandas Werk eine wichtige Brücke. Nach Schütz‘ Passionen, die als „Höhepunkt der Rezitativ-Passion“ gelten, wurden kaum noch vergleichbare Werke geschaffen. Vielmehr entwickelte sich die oratorische Passion mit ihren freien Einschüben, die den Bibeltext unterbrechen – eine Form, die später bei Bach ihre höchste Ausformung finden sollte.

Darüber hinaus spiegelt die Markus-Passion die Entwicklung der Dresdner Hofmusik wider, die zunächst als evangelische Hofkantorei mit italienischen Instrumentisten gegründet wurde. Unter Peranda, der als Kapellmeister wirkte, erlebte die Hofkapelle eine kontinuierliche Weiterentwicklung, die auch durch die beginnende Etablierung der italienischen Oper ab 1662 geprägt war.

Fazit

Zweifellos stellt Perandas Markus-Passion einen bedeutsamen Wendepunkt in der Geschichte der deutschen Sakralmusik dar. Diese außergewöhnliche Komposition verbindet meisterhaft italienische Musiktradition mit deutscher Passionsmusik und schafft dabei eine einzigartige Klangsprache, die noch heute beeindruckt.

Besonders bemerkenswert erscheint die schlichte, dennoch ausdrucksstarke musikalische Struktur des Werkes. Die rein vokale Gestaltung ohne instrumentale Begleitung unterstreicht den kontemplativen Charakter der Passionsgeschichte. Gleichzeitig zeigt sich darin Perandas Gespür für die Balance zwischen Tradition und Innovation.

Die historische Bedeutung der Markus-Passion reicht weit über ihre Entstehungszeit hinaus. Als Bindeglied zwischen den frühen Rezitativ-Passionen und späteren oratorischen Werken prägte sie maßgeblich die Entwicklung der Passionsmusik. Diese Verschmelzung verschiedener Stilrichtungen macht das Werk auch für heutige Zuhörer faszinierend und zeitlos.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Perandas Markus-Passion nicht nur ein musikhistorisches Dokument darstellt, sondern auch ein lebendiges Zeugnis künstlerischer Meisterschaft bleibt. Die Wiederentdeckung dieses lange Zeit Heinrich Schütz zugeschriebenen Werkes ermöglicht uns einen tieferen Einblick in die reichhaltige Tradition der deutschen Passionsmusik des 17. Jahrhunderts.

Video zum Mitlesen der Noten (Partitur)

Markus-Passion von Marco Giuseppe Peranda auf Youtube anschauen…

→ Partitur (Noten) zum Herunterladen: Markus-Passion – Marco Giuseppe Peranda (Quelle: Internet Archive)

FAQs

1. Wer komponierte die Markus-Passion, die lange Zeit Heinrich Schütz zugeschrieben wurde?
Die Markus-Passion wurde tatsächlich von Marco Giuseppe Peranda im Jahr 1668 komponiert, nicht von Heinrich Schütz, wie lange Zeit angenommen wurde.

2. Welche Besonderheiten weist die musikalische Struktur von Perandas Markus-Passion auf?
Perandas Markus-Passion ist für gemischten Chor (SATB) und Solostimmen komponiert. Bemerkenswert ist, dass das Werk durchgehend a cappella, also ohne instrumentale Begleitung, gestaltet ist.

3. Wie beeinflusste Perandas italienischer Hintergrund die deutsche Passionsmusik?
Peranda brachte seinen italienischen Stil nach Deutschland und verschmolz ihn mit deutschen Elementen. Diese Fusion prägte nachhaltig die Entwicklung der deutschen Passionsmusik im Barock.

4. Welche historische Bedeutung hat die Markus-Passion von Peranda im 17. Jahrhundert?
Perandas Markus-Passion markiert einen wichtigen Übergang zwischen den älteren Rezitativ-Passionen und den späteren oratorischen Passionen. Sie wurde 1668 in der Dresdner Schlosskirche uraufgeführt und spiegelt die Entwicklung der Passionsmusik in dieser Zeit wider.

5. Wie unterscheidet sich Perandas Markus-Passion von späteren Passionswerken wie denen von Bach?
Im Gegensatz zu späteren Passionen, wie denen von Bach, konzentriert sich Perandas Werk auf die reine Textdeklamation des Evangeliums ohne zusätzliche Arien oder Choräle. Es bleibt der schlichten Erzählform treu und verzichtet auf instrumentale Begleitung.

Referenzen und weiterführende Links:

hebu-music.com/…/marco-gioseppe-peranda/…/markus-passion
www.breitkopf.com
volkersklassikseitenjsbach.com PDF-rekonstruktionen-der-_markus-passion_-j-s-bach
performance.slub-dresden.de/markus-passion-dank-sei-unserm-herrn-jesu-christo-peranda-marco-giuseppe
de.wikipedia.org/Marco_Giuseppe_Peranda
deutsche-biographie.de
harmoniamundi.com/../booklets-2687.pdf
https://www.musiklexikon.ac.at/ml/musik_I/italien.xml

Die „Johannes-Passion“ von Heinrich Schütz (SWV 481): Ein Meisterwerk der Barockmusik

Johannes Passion SWV 481 Heinrich Schütz

Die „Johannes-Passion“ (SWV 481) von Heinrich Schütz, komponiert um 1666, ist ein beeindruckendes Beispiel für die tiefe Spiritualität und musikalische Innovation der Barockzeit. Als eines der letzten Werke des Komponisten verdeutlicht sie seine Reife und sein unvergleichliches Gespür für die Verbindung von Musik und Text.

Musikalische Details

  • Einzigartiger Stil: Die Passion ist rein vokal und verzichtet vollständig auf instrumentale Begleitung. Diese puristische Herangehensweise verleiht dem Werk eine zeitlose Kraft und hebt die Bedeutung des gesungenen Wortes noch mehr hervor.
  • Rollenverteilung: Der Evangelist, der die Erzählung vorträgt, wird von einem Tenor gesungen, während die Worte Jesu – wie meist – von einem Bass dargestellt werden. Der Chor übernimmt die dramatischen Parts der Menge, was den liturgischen Charakter betont.
  • Modale Komposition: Schütz verwendet den phrygischen Modus, der dem Werk einen dunklen, mystischen Charakter verleiht. Diese Tonsprache unterstreicht die Ernsthaftigkeit der Passionserzählung.
  • Emotionale Intensität: Trotz der Schlichtheit gelingt es Schütz, eine außergewöhnliche emotionale Tiefe zu erzeugen. Dies zeigt sich vor allem in den dramatischen Dialogen und den spannungsgeladenen Choreinwürfen.

Historische und kulturelle Bedeutung

Heinrich Schütz war einer der ersten deutschen Komponisten, der den italienischen Stil – insbesondere die Kunst des „stile antico“ und des „stile moderno“ – nach Deutschland brachte. Die „Johannes-Passion“ reflektiert Schütz’ tiefes Verständnis für die liturgischen Traditionen seiner Zeit, indem sie den Text des Johannesevangeliums in den Mittelpunkt stellt.

Dieses Werk war vor allem für den Gebrauch in der Karfreitagsliturgie gedacht, ein Tag von großer Bedeutung im christlichen Kalender. Es repräsentiert die Andacht und Besinnlichkeit, die das Barockzeitalter prägten, und lädt Hörer dazu ein, sich auf das Wesentliche zu besinnen – den Text und die Botschaft.

Heinrich Schütz: Leben und Vermächtnis

  • Kindheit und Jugend: Heinrich Schütz wurde 1585 in Bad Köstritz geboren und wuchs in einem musikalischen Umfeld auf. Seine außergewöhnliche Begabung wurde früh erkannt, und er erhielt eine fundierte musikalische Ausbildung.
  • Studium in Venedig: Schütz studierte unter Giovanni Gabrieli, einem der führenden Komponisten der venezianischen Mehrchörigkeit. Diese Zeit prägte seinen Stil nachhaltig.
  • Karriere in Deutschland: Nach seiner Rückkehr wirkte Schütz als Hofkapellmeister in Dresden, wo er eine Vielzahl an liturgischen und weltlichen Werken schuf.
  • Werke und Innovationen: Neben seinen drei Passionen, darunter die „Johannes-Passion“, komponierte Schütz zahlreiche Motetten, Madrigale und Psalmenvertonungen. Er gilt als einer der Wegbereiter der deutschen Barockmusik und als Vorbild für spätere Komponisten wie Johann Sebastian Bach.

Warum ist die „Johannes-Passion“ so besonders?

Das Werk zeigt Schütz’ Fähigkeit, mit minimalistischen Mitteln maximale Wirkung zu erzielen. Es spricht nicht nur Musikliebhaber, sondern auch spirituell Suchende an, die in der Musik Trost und Inspiration finden. Die „Johannes-Passion“ ist ein Zeugnis seines Glaubens und seiner Kunstfertigkeit, und sie bleibt bis heute ein Meisterwerk, das Generationen überdauert.

Johannes Passion von Heinrich Schütz SWV 481 auf YouTube Auf Youtube gibt es ein Video der gesamten Passion mit Noten zum Mitlesen: Johannes Passion von Heinrich Schütz

Die Noten gibt es hier als PDF zum Herunterladen: PDF Noten der Johannes Passion von Heinrich Schütz
(dies ist eine eingescannte Version einer alten Breitkopf & Härtel Ausgabe von 1885)

Neuere Ausgaben gibt es im gut sortierten Musikfachhandel zu kaufen.

„The Crucifixion“ von Sir John Stainer

The Crucifixion - John Stainer

Sir John Stainer (1840–1901) war ein bedeutender britischer Komponist, Organist und Musikpädagoge der viktorianischen Zeit. Bereits als Kind zeigte er außergewöhnliches musikalisches Talent und wurde im Alter von nur zehn Jahren Chorknabe an der St Paul’s Cathedral in London. Später studierte er an der University of Oxford und wurde dort Professor für Musik.

Stainer war ein führender Vertreter der anglikanischen Kirchenmusik im 19. Jahrhundert. Als Organist wirkte er unter anderem an der Magdalen College Chapel in Oxford und ab 1872 an der St Paul’s Cathedral in London, wo er die Kirchenmusik reformierte und auf ein neues Niveau hob. 1888 wurde er für seine Verdienste um die britische Musik zum Ritter geschlagen.

Sein kompositorisches Schaffen umfasst zahlreiche kirchenmusikalische Werke, darunter Hymnen, Motetten, Anthems und Oratorien. Viele seiner Werke sind heute eher historisch interessant, doch „The Crucifixion“ (Die Kreuzigung) aus dem Jahr 1887 ist bis heute sein bekanntestes und am häufigsten aufgeführtes Werk.

Stainer zog sich 1888 aus gesundheitlichen Gründen vom aktiven Dienst zurück, blieb jedoch einflussreich als Gutachter, Herausgeber alter Musik und Autor musikwissenschaftlicher Schriften. Er starb 1901 während einer Reise nach Italien.

The Crucifixion

„The Crucifixion“ ist ein Passions-Oratorium für Tenor- und Bass-Solisten, gemischten Chor und Orgel. Es wurde für den liturgischen Gebrauch in Kirchen konzipiert und steht in der Tradition der anglikanischen Passionen. Das Werk enthält neben Chorsätzen auch Gemeindelieder (Hymns), die zum Mitsingen gedacht sind. Der Text stammt von dem anglikanischen Geistlichen Rev. W. J. Sparrow-Simpson.

Musikalisch ist „The Crucifixion“  melodisch und zugänglich, mit einem starken emotionalen Ausdruck und klarer Struktur. Besonders bekannt sind die Chorstücke „God so loved the world“ und „All for Jesus“ („For the Love of Jesus“) die sehr oft auch außerhalb des Oratoriums aufgeführt werden. Obwohl das Werk unter Musikwissenschaftlern teils als sentimental oder stilistisch konservativ betrachtet wird, erfreut es sich in England großer Beliebtheit, besonders in der Karwoche.

Das Werk, auch als Passionskantate bezeichnet, besteht folgenden Teilen:

  1.  And they came to a place named Gethsemane (Tenor Solo)
  2.  The Agony (Bass Solo & Chorus)
  3.  And they laid their hands on him (Tenor & Bass Solo)
  4.  Procession to Cavalry (Organ Introduction)
  5.  Procession to Calvary (Fling wide the Gates) (Chorus & Tenor Solo)
  6.  Mystery of the Divine Humiliation (Cross of Jesus-Hymn)
  7.  He made himself of no reputation
  8.  The Majesty of the Divine Humiliation
  9.  And as Moses lifted up the serpent
  10.  God so loved the World
  11.  The Litany of the Passion
  12.  Father, forgive them
  13.  So thou liftest up thy divine petition
  14.  The Mystery of the Intercession
  15.  And one of the malefactors
  16.  The Adoration of the Crucified
  17.  When Jesus therefore saw his mother
  18.  Is it nothing to you
  19.  The Appeal of the Crucified
  20.  After this, Jesus knowing that all things were now accomplished
  21.  All for Jesus („For The Love Of Jesus„, Hymn)

Das gesamte Werk gibt es auf Youtube mit den Noten zum Mitlesen:

Youtube The Crucifixion - John Stainer The Crucifixion – John Stainer

Die Noten in digitaler Form und auch den gesamten Text gibt es zum kostenlosen Herunterladen auf der Webseite cantatedomino.org

 https://www.cantatedomino.org/../The-Crucifixion-Stainer.pdf

Auch dürfen die Noten frei verwendet werden, auf den Noten befindet sich der Hinweis:

Music is in the Public Domain
This digital engraving copyright © Cantate Domino
The Edition may be freely copied and used

Auch wenn Sie nicht an den Noten dieser Passionskantate interessiert sind, lohnt sich der Besuch der Webseite CantateDomino.org – es gibt vieles zu entdecken.

 

Was ist Passionsmusik?

Jesus Christus am Keuz

Passionsmusik ist eine faszinierende und tiefgründige Form der Musik, die sich mit den leidvollen Ereignissen im Leben Jesu Christi, insbesondere seiner Passion, beschäftigt. Diese Musikform hat eine reiche Geschichte und ist eng mit der christlichen Liturgie verbunden. Sie wird oft in der Karwoche, der Zeit vor Ostern, aufgeführt und zieht viele Menschen in ihren Bann.

Historischer Kontext

Die Wurzeln der Passionsmusik reichen bis ins Mittelalter zurück, als die ersten musikalischen Darstellungen biblischer Geschichten entstanden. Im 17. und 18. Jahrhundert erlebte die Passionsmusik ihren Höhepunkt, insbesondere durch Komponisten wie Johann Sebastian Bach. Seine Werke, wie die „Matthäuspassion“ und die „Johannespassion“, sind Meisterwerke, die sowohl musikalisch als auch emotional fesselnd sind. Diese Kompositionen sind nicht nur musikalische Aufführungen, sondern auch spirituelle Erlebnisse, die die Zuhörer in die Tiefe des Glaubens und der menschlichen Emotionen führen.

Berühmte Komponisten und Werke

Johann Sebastian Bach ist wohl der bekannteste Komponist im Bereich der Passionsmusik. Seine „Matthäuspassion“ gilt als eines der bedeutendsten Werke der westlichen Musikgeschichte. Diese Passion ist nicht nur ein musikalisches Meisterwerk, sondern auch eine tiefgründige Meditation über das Leiden und die Erlösung. Neben Bach haben auch Komponisten wie Heinrich Schütz und Felix Mendelssohn bedeutende Beiträge zur Passionsmusik geleistet. Ihre Werke sind oft geprägt von emotionalen Melodien und tiefen Texten, die die Zuhörer berühren.

Musikalische Struktur

Die musikalische Struktur der Passionsmusik ist oft komplex und vielschichtig. Sie besteht aus verschiedenen Elementen wie Arien, Chören und Rezitativen. Diese Elemente tragen dazu bei, die Emotionen der Charaktere und die Dramatik der Ereignisse lebendig zu machen. Die Verwendung von Instrumenten wie der Orgel und dem Orchester verstärkt die emotionale Wirkung und schafft eine Atmosphäre, die den Zuhörer in die Erzählung hineinzieht.

Religiöse Bedeutung

Die Passionsmusik hat eine besondere religiöse Bedeutung. Sie dient nicht nur der musikalischen Unterhaltung, sondern auch der Andacht und Reflexion. Viele Menschen finden Trost und Inspiration in diesen Werken, insbesondere während der Karwoche. Die Musik lädt dazu ein, über das Leiden und die Hoffnung nachzudenken und die eigene Spiritualität zu vertiefen.

Um einen Eindruck von der Schönheit und Tiefe der Passionsmusik zu bekommen, empfehle ich, sich eine Aufführung von Bachs „Matthäuspassion“ anzuhören. Auf Youtube können Sie eine Aufführung der Matthäus-Passion (BWV 244) genießen:

YouTube VideoJohann Sebastian Bach Matthäus Passion
Matthäus Passion live im Konzert vom Tölzer Knabenchor & Hofkapelle München unter der Leitung von Christian Fliegner.

Passionsmusik ist mehr als nur Musik; sie ist ein Erlebnis, das Herz und Geist berührt. Lassen Sie sich von den Klängen und der Botschaft dieser einzigartigen Musikform inspirieren!

Ist eine Passion ein Oratorium?

Ein Oratorium ist ein größeres musikalisches Werk für Solisten, Chor und Orchester, das meist einen religiösen Inhalt hat und konzertant, also ohne szenische Darstellung, aufgeführt wird. Es erzählt häufig eine biblische oder geistliche Geschichte in musikalischer Form, ähnlich wie eine Oper, aber ohne Bühnenbild, Kostüme oder Schauspiel.

Merkmale eines Oratoriums:

  • Solisten, Chor, Orchester
  • Erzähler oder Evangelist (erzählt die Handlung)
  • Rezitative, Arien, Chöre
  • Inhalt meist religiös, aber es gibt auch weltliche Oratorien
  • Konzertante Aufführung (nicht theatralisch)

Also, ist eine Passion ein Oratorium?

Ja, eine Passion ist eine besondere Form des Oratoriums, die sich speziell mit dem Leidensweg Jesu Christi beschäftigt – also der Zeit vom letzten Abendmahl bis zur Kreuzigung. Berühmte Beispiele sind – wie schon erwähnt – die Johannes-Passion (Johann Sebastian Bach) und die Matthäus-Passion (ebenfalls Bach).

Diese Werke enthalten alle typischen Merkmale eines Oratoriums, sind aber thematisch auf die Passion Christi konzentriert.

Carl Loewe: Kleine Passionsmusik

Jesus am Kreuz

Titel: Die Kleine Passionsmusik
Komponist: Carl Loewe
Entstehung: Um 1847
Besetzung: Singstimmen (Soli, Chor), Orgel oder Klavier
Dauer: Ca. 12 -15 Minuten
Gattung: Geistliche Musik – eine Art Mini-Oratorium oder Passionskantate

Inhalt und Stil

Die Kleine Passionsmusik ist ein geistliches Werk, das sich mit der Passion Christi beschäftigt, also den Ereignissen rund um das Leiden und Sterben Jesu. Im Gegensatz zu den großen Passionen etwa von Bach ist Loewes Werk kürzer und kompakter, was es besonders für den Einsatz in kleineren Kirchen oder im Gottesdienst geeignet macht.

  • Form: Das Werk ist in mehrere Abschnitte unterteilt, darunter Choräle, Erzählungen (Rezitative), Arien und Chorstücke.
  • Textgrundlage: Die Texte stammen aus der Bibel (Evangelien), ergänzt durch freie Dichtungen in der Tradition protestantischer Kirchenmusik.
  • Stilistisch: Das Werk bewegt sich im romantischen Stil, wirkt aber oft schlicht und volksnah – ideal für kleinere kirchliche Ensembles.

Bedeutung

Die Kleine Passionsmusik ist ein schönes Beispiel für Loewes Fähigkeit, religiöse Themen eindrucksvoll, aber auch zugänglich zu vertonen. Sie ist weniger dramatisch als Bachs Passionen, dafür aber in sich geschlossen, meditativ und emotional eindringlich.

Typischer Einsatz

Das Werk eignet sich für:

  • Passionsandachten in der Karwoche oder an Karfreitag
  • Kirchenkonzerte in kleineren Besetzungen
  • Laienchöre oder Gemeindeaufführungen, da es technisch nicht zu anspruchsvoll ist

Johann Carl Gottfried LoeweCarl Loewe (vollständiger Name: Johann Carl Gottfried Loewe) war ein deutscher Komponist, Sänger und Dirigent, geboren am 30. November 1796 in Löbejün und gestorben am 20. April 1869 in Kiel. Er ist vor allem bekannt für seine Balladen und Lieder – oft wird er auch als der „Schubert des Nordens“ bezeichnet. Neben Liedern komponierte er auch Oratorien, Kantaten, Opern und Kirchenmusik.


Video zum Mitlesen der Noten (Partitur)

Die Kleine Passionsmusik auf Youtube anschauen…

Text (Lyrics)  von Carl Loewes Kleiner Passionsmusik

𝄞 Einleitung (Andante sostenuto, instrumental)

1. Choral

Christus, der uns selig macht,
Unrecht nie begangen,
der ward für uns in der Nacht
als ein Dieb gefangen.
Und geführt vor böse Leut’,
fälschlich angeklaget,
ward verhöhnet und verspeit,
wie die Schrift uns saget.

2. Andante (Rezitativ & Chor)

In den ersten Tagesstunden
ward er dem Pilatus vorgestellt,
der ihn unschuldig befand.
Sein Reich war nicht von dieser Welt,
sein  Ruhm  nicht Menschenehre!

3. Andante (Arie, Chor)

Um drei ward der Gottessohn gegeißelt,
sein teures Haupt mit einer Dornenkron’ gerissen,
gekleidet zu Hohn und Spott,
und sein Kreuz mußte er selber tragen.

Seht, welch ein Mensch!
Seht, welch ein Mensch!
Seht, welch ein Mensch!

4. Andante (Rezitativ)

Um sechs ward er am Kreuz erhöht,
die Sonne verlor ihren Schein.

„Vater, vergib es ihnen,
sie wissen nicht, sie wissen nicht,
was sie tun!“

5. Andante

Um die neunte Stunde rief Jesus laut:
„Mich dürstet.“ Man reichte ihm Essig und Galle.
„Mein Gott, mein Gott, wie hast du mich verlassen?“
Und neigte sein Haupt: „Es ist vollbracht!“

6. Chor – Allegro (Turba)

Die Erde bebet, des Tempels Vorhang zerreißt,
die Gräber tun sich auf,
und viele Leiber der Heil’gen stehen auf,
die Felsen sprengen
und Finsternis, und Finsternis
bedecket das ganze Land.

7. Tempo primo d’Andante (Chor)

Als der Tag sein Ende nahm
und der Abend kommen,
ward Jesus vom Kreuzesstamm
durch Joseph genommen,

herrlich nach jüdischer Art
in ein Grab gelegt
und mit Hütern wohl verwahrt,
wie Matthäus zeuget.

8. Choral a Tempo (Chor)

O Lamm Gottes unschuldig,
am Stamm des Kreuzes geschlachtet!
Allzeit erfund’n geduldig
wie wohl du warest verachtet.

All Sünd’ hast du getragen,
sonst müssten wir verzagen.
erbarm dich unser, o Jesu, o Jesu!


Die Noten (komplette Partitur) können Sie hier herunterladen:
PDF Kleine Passionsmusik von Carl Loewe


Was ist Passionsmusik?

Passionsoratorium vs. Evangelien-Passion

Komponisten von Passionsmusik

Die Matthäus-Passion erklärt: Was Bach uns wirklich sagen wollte

J.S. Bach: Matthäus-Passion AI-generated

Monumentale über 150 Minuten Musik, zwei mächtige Chöre, ein doppeltes Orchester – die Matthäus-Passion steht als Gipfelwerk der Barockmusik. Johann Sebastian Bach schuf 1727 für die Leipziger Thomaskirche nicht einfach nur eine Vertonung der Passionsgeschichte. Seine Komposition öffnet Türen zu einer spirituellen Dimension, die Jahrhunderte überdauert hat.

Der architektonische Genius des Werkes offenbart sich in 68 kunstvoll verwobenen Sätzen. Bach erschafft durch die einzigartige Doppelchörigkeit eine musikalische Kathedrale von atemberaubender Komplexität. Nach seinem Tod versank dieses Meisterwerk zunächst in Vergessenheit – bis Felix Mendelssohn es 1829 wiederentdeckte und damit eine Renaissance der Bach-Musik einläutete.

Unser Weg durch die Matthäus-Passion führt von ihrer Entstehungsgeschichte über die musikalische Architektur bis zu den theologischen Botschaften, die Bach in seine Noten einschrieb. Wir entschlüsseln die verborgenen Bedeutungsebenen eines Werkes, das wie kaum ein zweites die Tiefen menschlicher Existenz auslotet.

Die Entstehungsgeschichte der Matthäus-Passion

 

„Der beleidigte Gott wird der gescheiterte Gott sein. Dass die Allmacht mit der Welt die gotteswürdige Intention verfehlt – und nicht schon an ihr, sondern erst in ihr zerbricht -, ist Thema der Passion“
Hans Blumenberg, Philosopher and author

 

Karfreitag 1723 markierte den Beginn einer musikalischen Revolution. Bach, frisch ernannter Thomaskantor in Leipzig, stand vor der jährlichen Aufgabe, die Passionsgeschichte zu vertonen. Seine Antwort sollte die Musikgeschichte für immer verändern.

Bachs Leipziger Jahre und der Karfreitag 1727

Leipzigs musikalische Seele atmete durch die Johannes-Passion 1724 zum ersten Mal Bachs Passionsmusik. Doch der Meister hatte Größeres im Sinn. Der 11. April 1727 schrieb Geschichte – die Thomaskirche wurde Zeuge einer dreistündigen musikalischen Offenbarung, die später als Matthäus-Passion die Welt erobern sollte. Musikhistoriker irrten jahrzehntelang über das Datum der Uraufführung, bis Joshua Rifkin 1975 den historischen Beweis für die erste Aufführung 1727 in der Leipziger Thomaskirche erbrachte.

Die verschiedenen Fassungen im Überblick

Bachs schöpferischer Geist ruhte nie. Die Matthäus-Passion wuchs und reifte durch mehrere Fassungen. Der Erstaufführung 1727 folgte 1729 die „Frühfassung BWV 244b“, überliefert durch Johann Christoph Farlaus Partiturabschrift von 1755/56. Die Krönung erreichte das Werk 1736 – jene Version, die heute erklingt und im Bach-Haushalt ehrfurchtsvoll „die große Passion“ hieß. Mit 68 Nummern überragt sie alle anderen Bach-Passionen an Umfang und Besetzung.

Picander und die Textgestaltung

Drei Quellen verschmelzen im Text der Passion: Luthers Matthäus-Evangelium (Kapitel 26/27), Picanders madrigalische Dichtungen und ausgewählte Passionschoräle. Christian Friedrich Henrici – genannt Picander – trotz seines zweifelhaften Rufs als Lustspieldichter, wurde Bachs bevorzugter Textpartner. Musikforscher sind sich einig: Bach formte die Textgestalt maßgeblich mit, wählte die Choräle selbst – diese fehlen bezeichnenderweise in Picanders „Ernst-Schertzhaffte und Satyrische Gedichte“. Seine rote Tinte für Bibelworte und den Choral „O Lamm Gottes unschuldig“ zeugt von tiefem symbolischem Bewusstsein – einzigartig in Bachs Schaffen.

Der Aufbau und die musikalische Struktur

Musikalische Architektur trifft göttliche Inspiration – die Matthäus-Passion gleicht einer klingenden Kathedrale. Bach erschuf jeden Baustein mit beispielloser Präzision. Kein anderes seiner Autographe ist so umsichtig angelegt wie diese Reinschrift.

Die doppelchörige Anlage und ihre Bedeutung

Picanders dialogisches Libretto entfachte in Bach eine kühne Vision: zwei Chöre, die sich wie himmlische Heerscharen gegenüberstehen. Diese stereophone Klangarchitektur lässt die Stimmen durch den Raum schweben, sich verflechten, miteinander sprechen. Bach unterstrich diese Dramaturgie sogar visuell – zwei verschiedene Tintensorten trennen Bibeltext und Choralmelodie von den übrigen Stimmen.

Die verschiedenen musikalischen Formen

Bachs Formenpalette gleicht einem prächtigen Mosaik. Majestätische Rahmen-Chöre umschließen das Werk wie Portal und Apsis einer Kirche. Der Eingangschor steht dabei als einsamer Gipfel in der Musikgeschichte. Im Inneren entfaltet sich:

  • Meditative Arien-Juwelen
  • Rezitative in drei Gewändern (secco, accompagnato, motivisch)
  • Choräle als dramatische Wegmarken

Paul Gerhardts „O Haupt voll Blut und Wunden“ kehrt fünfmal wieder, jedes Mal neu gewandet – ein roter Faden durch das Passionsgeschehen.

Die Rolle des Evangelisten und der Vox Christi

Zwei Stimmen führen durch das heilige Drama: Der Tenor-Evangelist zeichnet als objektiver Chronist die Ereignisse. Die Christusworte erklingen im Bass, umhüllt von einem schwebenden Streichergewand – eine Klangaura, die nur ihm vorbehalten bleibt. Diese musikalische Heiligenschein verleiht Christi Worten eine überirdische Dimension.

Text und Ton, Form und Ausdruck – Bach webt diese Elemente zu einem Gesamtkunstwerk, dessen durchdachte Struktur den Hörer durch die Passionsgeschichte trägt.

Der erste Teil: Von der Ankündigung bis zur Gefangennahme

Vier dramatische Szenen entfalten den Beginn der Leidensgeschichte. Bach zeichnet jeden Moment mit präzisen musikalischen Pinselstrichen.

Der monumentale Eingangschor

Mächtige Klangwellen durchfluten den Raum. „Kommt, ihr Töchter, helft mir klagen“ – drei Chöre verweben sich zu einem nie dagewesenen Klangdom. Zwei Hauptchöre rufen und antworten einander, während darüber der Cantus firmus „O Lamm Gottes, unschuldig“ schwebt. Pulsierende Bässe treiben den Klagegesang vorwärts. Diese Eröffnung sprengt alle bekannten Dimensionen der Passionsmusik.

Die Salbung in Bethanien

Düstere Schatten fallen. Siebzig Stimmen – gleich dem historischen Sanhedrin – beraten Jesu Tod „mit Listen“. Die Szene wechselt nach Bethanien: Eine Frau salbt Jesus mit kostbarem Öl. Empörte Jünger protestieren. Bach fängt ihre starre Haltung im Fugato „Wozu dienet dieser Unrat“ ein – mechanische Tonwiederholungen spiegeln ihren Dogmatismus. „Buß und Reu“ lässt dann Reuetränen in gebrochenen Akkorden niedertropfen.

Das letzte Abendmahl

Zarte Klangfarben umhüllen den heiligen Moment. Der neue Bund zwischen Gott und Menschen erklingt in sanften Tönen. „Einer unter euch wird mich verraten“ – die Worte treffen wie ein Blitz. Die Jünger verstummen, selbst das Orchester verliert den letzten Ton. Im wiegenden 6/4-Takt stehen sich Chor und Orchester als gleichwertige Partner gegenüber.

Gethsemane und der Verrat

Menschliche Schwäche im Garten Gethsemane: Die Jünger schlafen, während Jesus betet. Seine dreifache Verzweiflung steigert Bach in erschütternden Gebeten. Der Judaskuss besiegelt den Verrat. „So ist mein Jesus nun gefangen“ – kraftlose Klänge künden vom gebrochenen Herzen. Ein schmerzerfüllter Schlusspunkt des ersten Teils.

Der zweite Teil: Vom Verhör bis zur Grablegung

 

„Meinen Tod büßet seine Seelennot;“
Johann Sebastian Bach, Composer of the St. Matthew Passion

 

Schmerz und Leiden prägen den zweiten Teil der Matthäus-Passion. Bach entfaltet hier seine tiefste musikalische Sprache, um Christi letzte Stunden in Klang zu fassen.

Die Verleugnung des Petrus und die Reue

Petrus folgt seinem Meister „von fern“ zum Hof des Hohepriesters. Dreimal leugnet er, Jesus zu kennen – beim letzten Mal mit schwerem Schwur: „Ich kenne den Menschen nicht“. Der Hahnenschrei weckt sein Gewissen. Bittere Tränen fließen. Bach fängt diesen Moment in der Alt-Arie „Erbarme dich, mein Gott“ – das Schluchzen des reuigen Petrus klingt durch jeden Takt.

Jesus vor Pilatus

Schweigend steht Jesus vor Pilatus. „Was hat er denn Übels getan?“ – die Antwort erklingt im Accompagnato Nr. 57: „Er hat uns alles wohlgetan“. Doch die Volksmenge tobt. Bach steigert ihre Wut durch einen kühnen Kunstgriff: Der zweite „Lass ihn kreuzigen“-Chor (Nr. 59) schreit einen ganzen Ton höher als der erste (Nr. 54). Pilatus‘ Hände waschen sich in Unschuld. Das Volk ruft sein eigenes Urteil: „Sein Blut komme über uns und unsere Kinder!“

Kreuzigung und Tod

Simon von Kyrene trägt das schwere Kreuz. Nach roher Soldatengewalt erklingt der Choral „O Haupt voll Blut und Wunden“. Die Kreuzigung selbst – verhaltene Töne. Doch dann bricht die Natur aus ihren Fugen: Finsternis verschlingt das Land. „Eli, Eli, lema sabachtani?“ – Jesu letzter Ruf zerreißt den Tempelvorhang, die Erde bebt, Felsen bersten.

Die ergreifende Schlussszene

Abendstille senkt sich über Golgatha. Joseph von Arimathäa bittet um Jesu Leichnam. „Am Abend, da es kühle war“ – Bachs Accompagnato umhüllt die Szene wie feiner Nebel. Reines Leinen empfängt den toten Körper. Der achtstimmige Schlusschor „Wir setzen uns mit Tränen nieder“ – kein triumphaler Schlussakkord, sondern sanfter Abschied vom Gekreuzigten. Die Passionsgeschichte verklingt in stillem Gedenken.

Schlussfolgerung

Bachs Genie leuchtet durch die Jahrhunderte. Seine Matthäus-Passion vereint musikalische Meisterschaft mit theologischer Tiefe zu einem Gesamtkunstwerk, das direkt in die Seelen der Zuhörer dringt.

Zwei mächtige Chöre, kunstvoll verwoben mit vielfältigen musikalischen Formen, erschaffen einen Klangraum von zeitloser Größe. Jede Note, jedes Wort zeugt von Bachs tiefem Verständnis der Passionsgeschichte. Seine sorgsam gewählten Texte öffnen Fenster zur spirituellen Dimension des Geschehens.

Dreihundert Jahre vermochten die erschütternde Kraft dieses Meisterwerks nicht zu schmälern. Der majestätische Eingangschor packt uns heute wie damals, die Arien rühren unsere Herzen, der Schlusschor entlässt uns verwandelt. Bach schenkte der Welt mehr als Musik – er schuf ein klingendes Zeugnis menschlicher Schöpferkraft und göttlicher Inspiration.

FAQs

Q1. Wie lange dauert eine Aufführung der Matthäus-Passion?
Eine typische Aufführung der Matthäus-Passion dauert zwischen zweieinhalb und drei Stunden. Mit einer Länge von etwa 150 Minuten ist sie das umfangreichste Werk in Bachs Schaffen.

Q2. Was macht die Matthäus-Passion so besonders?
Die Matthäus-Passion zeichnet sich durch ihre einzigartige doppelchörige Struktur, die Verwendung verschiedener musikalischer Formen und die tiefgründige Vertonung des biblischen Textes aus. Sie vereint musikalische Brillanz mit theologischer Tiefe und schafft eine emotionale Verbindung zum Publikum.

Q3. Wann wurde die Matthäus-Passion zum ersten Mal aufgeführt?
Die Uraufführung der Matthäus-Passion fand am 11. April 1727 in der Leipziger Thomaskirche statt. Lange Zeit wurde angenommen, dass die Erstaufführung erst 1729 stattgefunden hätte, bis der Musikwissenschaftler Joshua Rifkin 1975 das frühere Datum nachweisen konnte.

Q4. Wie ist die Matthäus-Passion strukturiert?
Die Passion ist in zwei Teile gegliedert. Sie beginnt mit einem monumentalen Eingangschor und endet mit einem bewegenden Schlusschor. Dazwischen finden sich Rezitative, Arien, Choräle und dramatische Chorszenen, die die Leidensgeschichte Christi erzählen und reflektieren.

Q5. Welche Rolle spielt der Text in der Matthäus-Passion?
Der Text der Matthäus-Passion basiert auf dem Matthäus-Evangelium, Dichtungen von Picander und ausgewählten Chorälen. Bach nahm selbst Einfluss auf die Textgestaltung und hob in seiner Partitur sogar das Bibelwort durch rote Tinte hervor, was die Bedeutung des Textes für die Komposition unterstreicht.

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